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Leseprobe aus dem Roman
"Tauben - oder Vaters Stellvertreter"
von Philippe Ziron
Erschienen in der "Edition Octopus"
ISBN 978-3-86582-480-6
- Seite 1 von 5 -
Erstes Kapitel
Der lange Zug der Trauergäste war endlich zum Stehen
gekommen.
Der Weg von der Kapelle zum Grab erschien so lang, als wolle er kein Ende
nehmen.
Leise verteilten sich die Trauernden vor dem offenen Grab zwischen den
anderen Gräbern und unter den großen und dicht stehenden Bäumen. Einzelne
Trauergäste konnte man unter den tief hängenden Ästen kaum noch sehen.
Die eisige Kälte und der heftige Schneefall erzeugten eine sonderbare
Stimmung, die die Situation unwirklich erscheinen ließ.
In den hinteren Reihen und unter den Bäumen konnte man die Worte des
Geistlichen kaum noch hören. Der knöchelhoch liegende Schnee und der
andauernde Fall der dichten Flocken dämpften alle Geräusche.
In den Pausen, die der Pfarrer in seiner Rede einlegte, um sie auf die
Menschen einwirken zu lassen, herrschte im wörtlichen Sinne Totenstille.
Schnell waren die dunkel gekleideten Menschen vom Schnee bedeckt und mancher
klopfte sich hin und wieder leise die Flocken von seinen Schultern oder
schüttelte die Schneelast von seinem Regenschirm.
Eng aneinander geschlungen standen der Witwer, ein groß gewachsener
mittelschlanker Mittvierziger und eine etwa einen Kopf kleinere, schlanke
junge Frau vor dem mit Tannenzweigen abgedeckten Erdhügel, der die Sicht in
das offene Grab verhinderte.
Die blonden Haare der jungen Frau leuchteten weit durch die Gegend.
Der von den Trägern auf quer gelegten Holzbohlen über dem offenen Grab
abgestellte schlichte Holzsarg zog die Blicke der Trauernden magisch auf
sich.
Das farbenprächtige Gesteck hob sich wie ein Farbklecks von der sich
allmählich auf dem Sarg wölbenden Schneedecke ab.
Immer wieder trafen sich die Blicke des Witwers und seiner Tochter, wobei
sie sich und auch die Umstehenden wegen der andauernd fließenden Tränen
zeitweise nur wie durch eine Nebelwand sahen, und die Hand der jungen Frau
drückte die ihres Vaters immer stärker und verzweifelter, je näher der
Pfarrer dem Ende seiner Rede kam. Weitere Redner waren zum Glück nicht
vorgesehen und der Zeitpunkt der unabänderlichen Tatsache rückte
unaufhörlich näher. In wenigen Minuten würde der Sarg in die Tiefe gesenkt.
Für immer. Hatte ihn verloren, den dramatischen Wettlauf mit der nicht
aufzuhaltenden Krankheit.
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