Leseprobe aus
"Abfangjäger"
von Hans-Peter Vertacnik

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Es gab keine Zweifel mehr. Auch kein Zurück. Die Ereignisse hatten sich überschlagen und sie mussten es zu Ende bringen. Hier und jetzt. Mit zusammengekniffenen Augen rekapitulierte der weißhaarige, elegante Mittfünfziger, der sich ‚Mutter Theresa' nannte, still für sich noch einmal den Plan, ehe er sich laut räusperte.
"Die Zielperson benützt die Westautobahn und gelangt voraussichtlich über die Hadikgasse und die Rechte Wienzeile bis zum Karlsplatz", erklärte er aus dem streifigen Halbschatten der halb herabgelassenen Jalousien heraus. "Dort biegt der Mercedes links ab, rollt auf die Ringstraße, passiert Oper und Parlament und fährt zum Burgtheater, wo unser Notarztwagen wartet. Team Anton und Team Berta folgen Dillinger ab dem Parlament. Sie sperren ihn von hinten, sobald er am Burgtheater rechts abbiegt.
Zugleich blockiert der bereitgestellte LKW das Ziel von vorne. Cäsar Eins mimt den Chauffeur, Cäsar Zwo geht zu Dillinger und behauptet, der Motor des LKW sei abgestorben und lasse sich nicht mehr starten. Vergessen wir nicht, dass es Dillinger verdammt eilig hat. Er wird aussteigen und den Weg zu Fuß durch den Volksgarten nehmen. Den kürzesten Weg. Dabei folgt ihm Cäsar Zwo, reißt ihn an der ersten Buschgruppe zu Boden und hält ihm den Mund zu. Das Notarztteam verpasst Dillinger die vorbereitete Injektion, transportiert ihn ins AKH, übergibt ihn dem nächstbesten Quacksalber und verschwindet. Alles klar?"
"Wir betreten den Park also unmittelbar hinter Cäsar Zwo?"
"Ihr wartet genau eine Minute lang."
"Und was ist mit dem Chauffeur?"
"Was soll schon sein? Dillingers Fahrer muss sich um das Auto kümmern. Der bleibt bei seinem Wagen."
"Und wenn Dillinger nicht durch den Park geht? Am Ende bleibt er im Wagen und wartet oder er nimmt den längeren Weg durch die Löwelstraße bis zum Ballhausplatz."
"Unwahrscheinlich. Aber sollte das der Fall sein, verzieht sich Team Cäsar durch den Volksgarten. Sobald die beiden verschwunden sind, erschießt Team Anton Zielperson und Fahrer, überquert die Ringstraße und läuft zum Rathaus. Am Busparkplatz steht ein grauer Renault Laguna. Der Schlüssel steckt. In Richtung Sezession ist mittags nicht viel los. Achtet auf die Ampeln. Da sind Kameras installiert. Gleich nach dem Naschmarkt findet ihr rechter Hand einige stille Quergassen. Lasst den Wagen dort stehen und flüchtet zu Fuß. Team Berta macht sich inzwischen über die Währinger Straße stadtauswärts aus dem Staub, parkt nach zehn Minuten irgendwo am Straßenrand und wechselt auf Bus oder Straßenbahn. Alles klar?"
Die Zuhörer nickten.
Ungerührt hielt der Weißhaarige den wechselseitigen Blickkontakt noch ein paar Augenblicke lang aufrecht. "Uhrenvergleich. Es ist exakt 12 Uhr und 31 Minuten. Ihr verlasst diesen Raum in genau vier Minuten und besetzt eure Positionen."
"Wie steht es mit Zeugen?", wollte ein schmaler Blondschopf wissen.
"Bei dieser Hitze? Wir haben vierzig Grad. Da spaziert zu Mittag kaum jemand zum Burgtheater, geschweige denn in den Volkspark. Sollte uns aber tatsächlich jemand beobachten, werden wir uns um ihn kümmern. Später!"
"Und wenn sich jemand aktiv einmischt?", fragte der Blonde hartnäckig.
"Dann legt ihn um. Noch Fragen?" Es gab keine. Leidenschaftslos nickte ‚Mutter Theresa' den Anwesenden zu und ging.
Vereinbarungsgemäß warteten seine Ansprechpartner noch exakt vier Minuten, ehe sie ebenfalls den Raum verließen.

Der südwestliche Teil Niederösterreichs ist eine idyllische, waldreiche Gegend. Kurz nach Wiener Neustadt werfen sich die ersten, dicht mit Nadelwald bestandenen Hügeln auf, die gegen die Steiermark zu rasch an Höhe gewinnen, ehe sie sich zu einem veritablen Mittelgebirge auftürmen. Unweit von Rax und Schneeberg liegt in einem anmutigen Talkessel der ehemalige kaiserliche Sommerfrischeort Reichenau.
12.45 Uhr. Verstohlen warf Oberstleutnant Peter Zoff einen Blick aus dem offenen Fenster und schnupperte. Es roch nach Tannennadeln und nach frisch geschnittenem Holz. Wunderbar ruhig war es da draußen. Alles schien seine Ordnung zu haben und wenn man die Landschaft nur lange genug betrachtete, stellte sich Dankbarkeit für die Schöpfung, Freude und ein Gefühl von Frieden ein. Da liegt das Paradies, dachte Zoff und atmete tief durch. Direkt vor meinen Augen. Seufzend drehte er sich um und wendete sich wieder seiner Seminargruppe zu.
"Es ist 12.45 Uhr. Eine Stunde Mittagspause. Mahlzeit."
Unterdessen stand in Wien der Grazer Kriminalbeamte Gerd Voss einen knappen Steinwurf vom Parlamentsgebäude entfernt, aß ein Sandwich, trank eine Dose Bier und fotografierte. Dann überquerte er die Ringstraße und betrat den Volksgarten, während hinter ihm ein schwarzer Mercedes in Richtung Burgtheater fuhr. Nervös legte Generaldirektor Doktor Max Dillinger die großformatige Tageszeitung zur Seite, atmete tief durch und tippte seinem Fahrer auf die Schulter.
"Folgt uns jemand?", fragte er besorgt.
"Ich glaube nicht", antwortete der Chauffeur und warf einen Blick nach hinten. "Jedenfalls ist mir diesbezüglich nichts aufgefallen. Ist etwas nicht in Ordnung, Herr Generaldirektor?"
"Ach was", murmelte Dillinger mit schmalen Lippen. "Ich bin überreizt. Das ist alles."
"Wahrscheinlich arbeiten Sie zu viel, Herr Generaldirektor", grinste der Fahrer. "Aber Sie sind gleich beim Kanzler. Und zwar pünktlich."
Mittlerweile wählte Susanne Dillinger in Krems an der Donau zum dritten Mal die Telefonnummer ihres Mannes. "Komm schon, Max", stammelte sie konfus. "Melde dich, Liebling. Ich muss mit dir reden." Aber so sehr sie auch versuchte ihren Gatten mit der Kraft ihrer Gedanken ans Telefon zu zwingen, sie erreichte ihn nicht. Nie wieder.

 

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