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"Der unwissende Löwe"
von Josef Thaler
Ein junger Löwe, welcher noch nicht viel von der Welt
gesehen hatte, verspürte, nachdem er eine Ziege gefressen hatte, großen
Durst. Deshalb ging er an ein Wasserloch. Als er getrunken hatte, sah er
sein Spiegelbild im Wasser. Er war darüber hocherfreut und bewunderte sich
über alle Maßen wegen seines edlen Körperbaues und seiner wallenden Mähne.
Da sah er nicht weit von ihm entfernt ein seltsames Tier am Wasser stehen
und trinken. Es war klein und hatte auf dem Rücken weiße Streifen auf seinem
schwarzen Fell, die ihm auch über den Kopf gingen. Außerdem hatte es einen
buschigen Schwanz, der auf der Unterseite ebenfalls weiß war.
Der Löwe, der noch nie zuvor ein solches Tier gesehen hatte, wunderte sich,
weil es so gar keine Notiz von ihm nahm.
Doch das unbekannte Wesen gefiel ihm und weil er voller Eitelkeit und
Tatendrang war, sprach er zu dem Tier: „Hallo du kleine Schönheit. Das will
ich meinen, dass dir dieses Wasser schmeckt, wo auch ich mich daran labe.
Aber es stört mich ein wenig, dass du mich nicht beachtest. Einen so
stattlichen Kerl wie mich kann man doch nicht übersehen. Was bist du für
eine Kreatur, da du keinen Löwen erkennst? Komm, geselle dich ein wenig zu
mir und vertreiben wir uns die Zeit.“
Während der Löwe so redete, stellte er sich in schönster Positur. Er drehte
sich hin und her und prahlte in einem fort.
Dem seltsamen Wesen war wahrlich nicht nach solcher Gesellschaft zumute.
Deshalb drehte es ihm mürrisch den Rücken zu und sprach: „Natürlich habe ich
dich erkannt. Wie kann man dich übersehen? Doch bleib mir vom Leib. Deinen
Zeitvertreib kann ich mir vorstellen. Mit dir, eitlem Gecken, will ich
nichts zu schaffen haben. Laß mir meine Ruhe und geh deiner Wege.“
Der Löwe jedoch, rückte dem unbekannten Tier immer näher und plusterte sich
dabei fürchterlich auf. Dabei warf er den Kopf hoch und zeigte seine
gewaltigen Zähne.
Jetzt bekam es das wunderliche Geschöpf doch ein wenig mit der Angst zu tun
und es rief: „Halt, Löwe, sieh dich vor, du kennst mich nicht! Wenn ich auch
klein bin und keine großen Klauen und Zähne habe, so kann ich dich doch
wirkungsvoll abwehren!“
„Ha, was kannst du mir schon anhaben? Los komm mit mir, wir wollen spielen“,
rief der Löwe und sprang auf das kleine Wesen zu.
Da hob es plötzlich seinen Schwanz und stellte sich auf die Vorderbeine.
Jetzt erst merkte der Löwe, dass etwas nicht stimmte. Aber es war zu spät.
Ein Schwall stinkender Brühe traf ihn mitten in das Gesicht. Der Löwe heulte
zum Gotterbarmen und wälzte sich am Boden. Er drehte sich im Kreise und
führte einen wahrlich seltsamen Tanz auf. Schlussendlich sprang er in das
Wasserloch. Doch es half alles nichts. Der Löwe stank erbärmlich. Er lief
hinaus in die Savanne und verkroch sich unter einem Akazienbaum.
Nichts war geblieben von seiner Herrlichkeit. Dahin war seine imposante
Erscheinung.
Ein Schakal, der das Geschehen beobachtet hatte und dem Löwen nachgelaufen
war, rief ihm voll Hohn und Spott zu: „Na, Prächtiger, siehst du? Es kommt
nicht immer auf die äußere Erscheinung an. Auch Kleine können sich wehren,
besonders dann, wenn man nicht weiß, mit wem man es zu tun hat!“ Laut
lachend sprang der Schakal davon. Der Löwe aber verkroch sich noch tiefer im
Gebüsch, denn er schämte sich fürchterlich.
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