|
|
|
"Der Esel und die Gans"
von Josef Thaler
Ein Esel fand es an der Zeit, sich eine Frau zu suchen. Er begab sich
deshalb auf Wanderschaft. Doch nirgends wurde er beachtet und oft sogar
verspottet, weil er so schüchtern und unscheinbar dahertrottete.
Als er an einem Weiher vorbeikam, sah er eine Gans auf dem Wasser schwimmen.
Er blieb stehen und auf einmal meinte er, das schönste Wesen auf Erden zu
sehen. Unentwegt starrte er zu ihr hinüber. Sie musste es bemerkt haben,
denn sie schwamm auf ihn zu und sprach ein wenig spitz: „Was glotzt du mich
so an? Kennen wir uns vielleicht?“
„Das wohl nicht“, stammelte der Esel und wandte den Blick von ihr ab. Er
fing sich jedoch gleich wieder, nahm all seinen Mut zusammen und sagte zu
der Gans: „Ich bin auf der Suche nach einer Frau. Da sah ich dich. Du bist
das schönste Geschöpf, das ich je gesehen habe. Willst du dich mit mir
zusammentun? Du wirst es nicht bereuen.“
Da plusterte sich die Gans auf und schnatterte aufgeregt: „Ach herrje. Was
soll ich denn mit einem Esel? Du bist viel zu hässlich für mich, so grau und
unscheinbar, wie du daherkommst. Siehst du nicht, dass ich dir an Anmut und
Klugheit überlegen bin? Geh fort von hier und belästige mich nicht mehr.“
Mit hoch erhobenem Haupt schwamm sie davon. Der Esel aber stand traurig da
und blickte ihr nach.
Als er jedoch sah, wie die Gans aus dem Wasser stieg und auf dem Ufer
herumwatschelte, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Die Federn waren
auf einmal nicht mehr so weiß und ihre Gestalt nicht mehr so anmutig als
noch vor Kurzem. Über ihren Gang musste er sogar ein wenig lachen. Sieh an,
sieh an, nichts ist so, wie es manchmal scheint, dachte er verwundert und
zog weiter.
|
|
|