|
|
|
"Ottos Schreibmaschine"
von Nikola Hahn
- Seite 1 von 6 -
Einige Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung hatten
schon zum wiederholten Mal gähnend auf die Uhr geschaut, als der
Bürgermeister endlich den letzten Tagesordnungspunkt zur Sprache brachte.
„Wie Sie wissen, ist per Satzung festgeschrieben, daß ein gewisser
Prozentsatz öffentlicher Mittel der Kunst zugute kommen soll.“
An dem leicht ironischen Unterton hätte ein aufmerksamer Zuhörer erkennen
können, daß nach dem Willen des Bürgermeisters die betreffende Satzung
ersatzlos gestrichen werden könnte, aber aufmerksame Zuhörer gab es zu
dieser Stunde selbst in den Reihen der Opposition nicht mehr. So wurde nach
kurzer Debatte die Entscheidung darüber, welches Kunstwerk fortan die
Eingangshalle des Rathauses schmücken sollte, dem neuernannten
Kulturdezernenten Mittrich übertragen, der davon erfuhr, als er anderntags
gegen neun zum Dienst erschien.
„Das ist nur eine der Aufgaben, die dich erwarten“, sagte der Bürgermeister
mit einem Anflug Schadenfreude zu seinem Duz-Freund. „Aber du wolltest das
Ressort ja unbedingt haben.“
„Unbedingt ist übertrieben“, entgegnete Mittrich. „Aber ich werde die Chance
zu nutzen wissen.“
Lothar Mittrich hatte den Weg in die Politik gefunden, nachdem er im
Streifenwagen jahrelang mehr oder weniger erfolglos den kleinen und
mittelgroßen Sündern der Stadt hinterhergefahren war. Seine Entscheidung,
die Uniform gegen einen Anzug zu tauschen, wirkte sich nicht nur auf dem
Gehaltskonto positiv aus, sondern ließ auch sein Selbstwertgefühl
beträchtlich steigen, was ihm unter seinen ehemaligen Kollegen den Ruf eines
arroganten Emporkömmlings einbrachte. Die Zeiten, in denen er sich über
solcherart Geschwätz aufgeregt hatte, waren gottlob längst vorbei.
Mit Beharrlichkeit, Engagement, dem richtigen Parteibuch und der richtigen
Meinung würde er die Karriereleiter emporklettern. Das allein zählte. Um
dieses Ziel zu erreichen, nahm er auch das Amt des Kulturdezernenten in
Kauf, obwohl ihn Kunst und Kultur nicht die Bohne interessierten, wie er
seiner Frau in einer weinseligen Stunde anvertraute. Er wünschte dem
Bürgermeister lächelnd einen guten Tag und ging in sein Büro. Daß er als
erste Amtshandlung ein Kunstwerk für das Rathaus aussuchen sollte, sah er
als Vertrauensbeweis und eine hervorragende Möglichkeit, Fachkenntnis und
Fortschritt zu demonstrieren. Da er von Kunst keine Ahnung hatte, holte er
vor seiner Entscheidung den Rat eines angesehenen Kritikers ein.
|
|
|