"Ottos Schreibmaschine"
von Nikola Hahn

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Einige Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung hatten schon zum wiederholten Mal gähnend auf die Uhr geschaut, als der Bürgermeister endlich den letzten Tagesordnungspunkt zur Sprache brachte. „Wie Sie wissen, ist per Satzung festgeschrieben, daß ein gewisser Prozentsatz öffentlicher Mittel der Kunst zugute kommen soll.“
An dem leicht ironischen Unterton hätte ein aufmerksamer Zuhörer erkennen können, daß nach dem Willen des Bürgermeisters die betreffende Satzung ersatzlos gestrichen werden könnte, aber aufmerksame Zuhörer gab es zu dieser Stunde selbst in den Reihen der Opposition nicht mehr. So wurde nach kurzer Debatte die Entscheidung darüber, welches Kunstwerk fortan die Eingangshalle des Rathauses schmücken sollte, dem neuernannten Kulturdezernenten Mittrich übertragen, der davon erfuhr, als er anderntags gegen neun zum Dienst erschien.
„Das ist nur eine der Aufgaben, die dich erwarten“, sagte der Bürgermeister mit einem Anflug Schadenfreude zu seinem Duz-Freund. „Aber du wolltest das Ressort ja unbedingt haben.“
„Unbedingt ist übertrieben“, entgegnete Mittrich. „Aber ich werde die Chance zu nutzen wissen.“
Lothar Mittrich hatte den Weg in die Politik gefunden, nachdem er im Streifenwagen jahrelang mehr oder weniger erfolglos den kleinen und mittelgroßen Sündern der Stadt hinterhergefahren war. Seine Entscheidung, die Uniform gegen einen Anzug zu tauschen, wirkte sich nicht nur auf dem Gehaltskonto positiv aus, sondern ließ auch sein Selbstwertgefühl beträchtlich steigen, was ihm unter seinen ehemaligen Kollegen den Ruf eines arroganten Emporkömmlings einbrachte. Die Zeiten, in denen er sich über solcherart Geschwätz aufgeregt hatte, waren gottlob längst vorbei.
Mit Beharrlichkeit, Engagement, dem richtigen Parteibuch und der richtigen Meinung würde er die Karriereleiter emporklettern. Das allein zählte. Um dieses Ziel zu erreichen, nahm er auch das Amt des Kulturdezernenten in Kauf, obwohl ihn Kunst und Kultur nicht die Bohne interessierten, wie er seiner Frau in einer weinseligen Stunde anvertraute. Er wünschte dem Bürgermeister lächelnd einen guten Tag und ging in sein Büro. Daß er als erste Amtshandlung ein Kunstwerk für das Rathaus aussuchen sollte, sah er als Vertrauensbeweis und eine hervorragende Möglichkeit, Fachkenntnis und Fortschritt zu demonstrieren. Da er von Kunst keine Ahnung hatte, holte er vor seiner Entscheidung den Rat eines angesehenen Kritikers ein.


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© 2007 by Thomas Angerer