Leseprobe aus
"Ich habe getötet"
von Mike Muche

ISBN: 978-3-85251-417-8
Erschienen 2008 in der Edition Nove
Preis: € 18,90

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PROLOG

In einer einzigen Nacht, in nur wenigen Minuten, Sekunden, wurde mein Leben in den Grundfesten erschüttert.
Das Leben, das schon vorher nicht ereignislos und normal war. Ich wurde aus der Bahn geworfen und mein einsamer Kampf, den ich seit diesem Ereignis führe, scheint aussichtslos.
Die vielen Fehler, die ich im Laufe meines Lebens gemacht habe, die Gefühle, die ich verletzt habe; Menschen, denen ich sehr weh getan habe – alles bekommt man in seinem Leben zurückbezahlt.
Bei mir ist es jetzt soweit.
Meine Schuld zahle ich gerade auf eine für mich schreckliche Art und Weise ab.
Es tut mir leid, dass ich ein Menschenleben ausgelöscht habe.
Es tut mir leid, dass ich den Eltern den Sohn genommen habe.
Es tut mir leid, dass ich den Bruder meines Freundes erschoss.
Es tut mir leid, dass ich seit dieser Zeit kein normales Leben mehr führen kann.
Es tut mir leid, dass ich nicht mehr ohne Panik in den Streifenwagen kann.
Es tut mir leid, dass ich meine Waffe nicht mehr sehen will.
Es tut mir leid, dass ich dieses Trauma nicht verarbeiten kann.
Es tut mir leid, dass die vielen Klinikaufenthalte nicht den gewünschten Erfolg brachten.
Es tut mir leid, dass ich noch nicht behämmert genug bin, um das System dieser Kliniken begreifen zu können.
Es tut mir leid, dass ich Nacht für Nacht schweißgebadet aufwache und die Albträume mich verfolgen.
Es tut mir leid, dass ich nach über 30 Jahren den ehemals geliebten Beruf hasse.
Es tut mir leid, dass ich dienstunfähig bin.
Es tut mir leid, dass viele meiner Kollegen und Freunde kein Verständnis für meine Lage haben.
Es tut mir leid, dass ich meine erste Ehefrau sehr verletzt habe.
Es tut mir leid, dass ich ein so schlechter Vater war.
Es tut mir leid, dass ich meine zweite Ehefrau nicht betrogen habe.
Es tut mir leid, dass mein ehemals bester Freund die Freundschaft verleugnet hat.
Es tut mir leid, dass dieser Freund jetzt mit meiner Nochfrau zusammenlebt.
Es tut mir leid, dass ich finanziell ruiniert wurde.
Ich bin froh, dass mein Kollege und ich diesen Einsatz überlebt haben.
Ich bin froh, dass ich noch nicht im Sumpf der Depression versunken bin.
Ich bin froh, dass ich viel zu gerne lebe, um mir selbst das Leben zu nehmen.
Ich bin froh, dass ich den Kampf um die Zufriedenheit noch nicht aufgegeben habe.
Ich bin froh, dass es Menschen gibt, die mich verstehen und unterstützen.
Ich bin froh, dass meine Töchter dem alten Vater seine vielen Fehler verziehen haben.
Ich bin froh, dass es seltene Nächte gibt, in denen ich nicht in Albträumen versinke.
Ich bin froh, dass ich meinen grenzenlosen Optimismus nicht verloren habe.

Ich hätte so gerne mein bisheriges chaotisches, aber aufregendes Leben weitergeführt. Dieses ständige Auf und Ab habe ich genossen. Nur nicht so sein wie die Anderen. Das war ganz wichtig für mich und danach habe ich gelebt. Wild und exzessiv. So wollte ich alt werden.
Diese eine fürchterliche Nacht hat es unmöglich gemacht.
Das ist das Risiko meines Berufes, mit dem jeder Kollege leben muss, aber hofft, dass die Situation niemals eintritt.
Seit dieser Zeit bin ich ein anderer Mensch. Es wurde mir ein neues, schweres Leben aufgezwungen, mit dem ich nicht zurechtkomme. Aber ich habe diese Nacht überlebt. Werde sie niemals mehr vergessen können. Balanciere seit dieser Zeit auf einem schmalen Grat zwischen Depression, ständiger Angst und Ungewissheit. Ein sehr schmaler Grat.
Ich gebe jedoch meinen Kampf nicht auf. Seit Jahren versuche ich Ordnung in meinen Alltag zu bringen. Mein Ziel ist ein bisschen Zufriedenheit jeden Tag, um nicht ganz in die Depression abzugleiten. Ist dieses
Ziel zu hoch gesteckt oder unerreichbar? Noch habe ich Kraft, diesen Kampf anzunehmen. Aber wie lange noch?
Die Zukunft wird es zeigen.
Mein Name ist Michael. Ich werde dieses Jahr 50 – so Gott will. Mein Kampf war lange und sehr zermürbend.
Er war nicht zu gewinnen. Psychisch und physisch erschüttert und vermutlich noch in diesem Jahr dienstunfähig in Rente. Nach über dreißig Jahren Polizeidienst.
Es geht nicht mehr.
Es hat sich jahrelang angebahnt. Frust – Unzufriedenheit...
Aber ein einziger Tag – eine einzige Nachtschicht – einige wenige Sekunden haben mein Leben verändert
und mich zerstört. Und nicht nur mich. Ein anderes Leben wurde auch zerstört.

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© 2008 by Thomas Angerer