"Der Schrei"
von Harald Kratzel

Der Auslöser für seinen Schreianfall war ein nichtiger, eher schrie er aus dem Schrecken heraus, der Angst um seinen Sohn ob des kurzen Momentes der Gefahr um seine Gesundheit, einem Moment, der zwar glimpflich verlaufen, ihn aber doch so erschreckt hatte, dass er nicht anders konnte als zu schreien, wo es doch aber viel besser gewesen wäre, dies kleine Wesen, selbst über die Situation überrascht und verängstigt und nun weinend ob des Schrecks und des Schreiens des Vaters, in die Arme zu nehmen. Aber irgendwie brach der erste Schrei aus ihm heraus, und indem er seinem kleinen hilflosen Sohn gegenüberstand, den er doch so liebte, und er – noch während seiner lautstarken verbalen Anschuldigungen – erkannte, wie sehr er diesem kleinen Menschen Unrecht tat, der sich im Sturm seiner Anschuldigungen immer weiter in sich zurückzog, und indem er sich über seine eigene Unfähigkeit ärgerte, ihn nicht tröstend und liebend in die Arme nehmen zu können, wurde sein Schreien immer lauter und die Entfernung zwischen den beiden immer größer. Kein Wunsch in ihm war größer, als den Kreislauf zu durchbrechen, aus der Situation entfliehen zu können, den angerichteten Schaden in der kleinen Seele sofort zu heilen, doch in dem Maß, in dem dieses Bedürfnis in ihm wuchs, in dem Maße entfernte er sich von dem geliebten Wesen, und sein Schreien schien kein Ende nehmen zu wollen.

Schweigend gingen sie nun nebeneinander her, zwei schwer verletzte Seelen, unfähig, sich einander zu nähern, der eine, weil er ob seines Kindwesens und seiner Unschuld noch gar nicht dazu in der Lage war, die empfundene Verletzung in Worte zu fassen, sondern nur an seinen Tränen die Wunde erkennbar war, der andere, weil er schon wieder dem Alter entwachsen, das ihm gestattet hätte, über seine Verletzungen zu sprechen oder gar zu weinen.

Nach Jahren ist dieser Moment zwar längst vergessen, der Anlass nicht mehr nachvollziehbar, doch in beiden sind die Narben noch immer erkennbar, wirken nach, stimmen sie in manchem Moment melancholisch, verhindern eine Annäherung, die von beiden gewünscht, aber ob dieses Erlebnisses und anderer, die sich im Laufe der Jahre ereignet haben, einfach nicht möglich wird. Zudem ist aus dem kleinen Sohn längst ein stattlicher Mann geworden, dem nunmehr die Konventionen ein solches Verhalten ebenfalls verbieten.

Aber vielleicht wird einst der Sohn, wenn er selbst zum Vater geworden, mit seinem Sohn in gleicher Situation gar nicht erst in diesen Kreislauf eintreten, sondern dies liebenswerte Wesen in die Arme schließen, ihm einen väterlich zärtlichen Kuss auf die Wange geben, wie ER es einst gern getan hätte.


 





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