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"Rayonsinspektor Possinger - Die Preußen kommen"
von Thomas Angerer
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„Was fällt Ihm ein, Possinger?“, herrschte der Kanzleirat
den Rayonsinspektor, der mit gewienerten Stiefeln in Grundstellung vor ihm
stand. „Ang’soffen in Uniform. Und das am helllichten Tag!“
„Also bitte, es dämmerte schon fast.“, versuchte Possinger sich zu
rechtfertigen.
„Wie bitte?“, brüllte der Vorgesetzte. „Am ersten August? Um siebzehn Uhr?
Götterdämmerung, oder wie?“
„Na ja…“, betreten blickte der bei seiner Lüge Ertappte auf seine
Stiefelspitzen und der Kanzleirat, ein Feschak vor dem Herrn, schüttelte den
Kopf.
„Ein kaiserlich-königlicher Sicherheitswachebeamter. Rauschig wie…“
„…ein Esel.“, komplettierte Possinger den Satz, den er aus dem Mund seines
Vorgesetzten, der selbst dem Genuss gekelterten Rebensaftes auch im Dienst
nicht abgeneigt war.
„Fett wie…“
„…die russische Erde.“
„Steif wie…“
„…ein Artilleriegeschütz.“
Mit einem lauten Krachen ließ der Kanzleirat beide Fäuste auf seinen
Schreibtisch knallen.
„Pardon.“, krächzte Possinger halblaut, wohl wissend, dass er in seiner
Frechheit übertrieben hatte. „Aber Sie wissen eh, Herr Kanzleirat, wenn ich
den Hausmeister Horvath vom Zwölfer-Haus treff’, dann schaut auch manchmal
ein Zund raus. Und außerdem hab’ ich gehofft, dass ich, quasi für Sie,
erfahre, wann das verehrte Fräulein Lily von der Sommerfrische
zurückzukehren gedenkt.“
Der Kanzleirat verdrehte die Augen, spürte aber beim Gedanken an das von ihm
so geschätzte Fräulein Lily eine wohlige Wärme in sich aufsteigen und das
schien ihn auch ein wenig zu besänftigen.
„Es ist zwar löblich, dass Sie sich weiterhin so abmühen, für mich ein
Tete-a-Tete mit dem Fäulein Lily zu arrangieren, aber…“ und bei seinen
folgenden Worten steigerte sich seine Erregung neuerlich, dieses Mal sogar
in einen beinahe gesundheitsgefährdenden Zustand. „…das ist noch lange kein
Grund als uniformierter Beamter seiner Majestät des Kaisers angesoffen wie
ein Häuseltschick durch den Rayon zu wanken!“
Zufrieden damit den vorlauten Possinger endlich zum Schweigen gebracht zu
haben, lehnte er sich zurück und fügte – nun wesentlich ruhiger – hinzu:
„Ich seh’ nur zwei Möglichkeiten: Entweder ich hau’ Sie ins ‚Diss’, was bei
der Anzahl Ihrer bisherigen disziplinären Verfehlungen leicht mit einer
Versetzung nach Czernowitz enden kann, oder…“
„Oder?“, in Possingers Brust machte sich Beklemmung breit. Er wäre für jede
Strafe bereit gewesen, aber eine Versetzung an die äußerste Ostgrenze der
Donaumonarchie, hätte ihm, der das Leben in der Hauptstadt doch so schätzte,
ganz und gar nicht gefallen.
„Oder Sie helfen mir aus der Patsche.“, schloss der Kanzleirat.
Possinger witterte seine Chance und entspannte sich ein wenig.
„Stets zu Diensten.“, antwortete er mit einem schelmischen Grinsen, ließ die
Hacken seiner Stiefel zusammenkrachen und verbeugte sich kaum merklich. „Wie
lautet mein Auftrag?“
Der Kanzleirat beugte sich über den Schreibtisch und flüsterte so
verschwörerisch, dass man meinen könnte, es handle sich um eine
Staatsaffäre:
„Finden Sie mir einen Heurigen, wo’s ein Bier gibt.“
Possinger erstarrte, dachte kurz nach und antwortete schließlich wie aus der
Pistole geschossen:
„Ich wähle Czernowitz!“
Nun war es das Gesicht des Kanzleirats, das Verzweiflung ausstrahlte.
Trotzdem blieb er angriffslustig und wurde wieder laut:
„Possinger, Sie sind nicht in der Lage, dass Sie die Wahl treffen dürfen!“
Dieser hatte den Braten aber bereits gerochen.
„Ach so?“, fragte er zynisch und ein Blick auf den Kanzleirat verriet, dass
er gewonnen hatte. An dessen Stirn hatten sich Schweißperlen gebildet und
seine Angespanntheit war im Raum beinahe physisch spürbar.
„Possinger, ich bitt’ Sie. Hören Sie sich wenigstens meine Beweggründe an.“
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