|
|
|
"Dvorak, der Kanzleirat und Jules Verne"
oder
"Rayonsinspektor Possinger und das Französische"
von Thomas Angerer
Madame Elvira, die alternde Edel-Dirne aus der
Spittelberggasse, hängte gerade Büstenhalter vom Format eines mittelgroßen
Zirkuszeltes im Hinterhof des Zinshauses auf.
Im Hof waren die Mädchen mit Tempelhüpfen beschäftigt, während die Buben
eine Filzkugel mit den Füßen vor sich hertrieben.
„Tor!“, schrie einer, nachdem er die unwuchte Kugel zwischen den Mistkübeln
gegen den Holzverschlag gedroschen hatte.
„Jaaa!“, schrie ein anderer. „Zwei zu null für Simmering. Wieder der
unglaubliche Swartosch!“
Aus dem Kohlenkeller, wo er angeblich seine Weinvorräte hortete wie eine
Löwenmutter ihre Jungen, kam schnaufend der Hausmeister.
„Ja Himmel, Sakra. Schleicht’s Euch, Bankerten. Wenn ihr mir was kaputt
schießt’s, dann verschiff ich Euch eigenhändig nach Afrika zu den
Menschenfressern.“
Kreischend zerstreuten sich die Kinder durch das Stiegenhaus auf die Straße
hinaus.
Der Hausmeister schüttelte den Kopf.
„Nein, nein. Keinen Respekt mehr. So g’winnt der arme Kaiser keinen Krieg
mehr. Nein, nein…“
„Was faseln Sie da?“
Der Rayonsinspektor, der das Haus in der guten Hoffnung auf ein Achterl
Grünen Veltliner aus dem schönen Gumpoldskirchen betreten hatte, stand in
der Türe.
„Nichts, nichts. Ich hab’ nur gemeint, dass wir mit der Jugend von heute
keinen Krieg mehr gewinnen werden!“
„Eh nicht!“, gab der Rayonsinspektor zurück. „Glauben Sie mir. Die nächsten
paar Kriege gehen allesamt den Bach runter. Die Amerikaner werden uns den
Arsch aushauen, dass uns hören und sehen vergeht.“
Der Hausmeister lachte.
„Ja, sicher. Und dann erzählen Sie mir vielleicht noch, dass die Amerikaner
im nächsten Jahrhundert auf dem Mond landen werden.“
„Mitnichten, Herr Dvorak.“, antwortete der Rayonsinspektor ohne seine Miene
zu verändern. „Neunzehnhundertneunundsechzig. Mit ein bissl Glück erleb’ ich
das noch!“
„Na, ob das ein Glück ist?“, gab der Hausmeister zu bedenken. „Sie lesen
eindeutig zu viel von diesem Franzosen. Gern Schwül, oder wie der heißt.“
„Jules Verne, heißt der, Sie Banause. Man merkt, dass Sie literarisch
höchstens was für Dreigroschenromane übrig haben.“
„Kommen Sie mir nicht so, Herr Inspektor. Die Franzosen haben ja sowieso
einen Pecker. Haben Sie schon gehört? Die fahren quer durchs Land mit dem
Radl um die Wette! Trotteln, diese. Und dann hab ich gehört, die lassen sich
eine Spritze geben, damit sie noch schneller fahren.“
„Na, wenn ich mit dem Radel zum Heurigen fahr’, dann geb’ ich mir auch einen
Spritzer, damit ich wieder schneller fahren kann.“
„Scherzküberl. Also, ich kann mir nicht helfen. Ich mag das Französische
nicht!“
„Ich schon, mes amis! Und, by the way, wie wir, die zusätzlich noch der
englischen Sprache mächtig sind, zu sagen pflegen: Ist das Fräulein Lily
heute zugegen?“, hörte man plötzlich die Stimme des Kanzleirats, der lässig
in der Haustüre lehnte.
Sein Gesicht zierte ein Dreitagebart und die gerötete Nase zeugte von einem
vorangegangenen und ausschweifenden Heurigenbesuch.
„Leider.“, tat der Hausmeister verzweifelt. „Aber die hat einen Verehrer,
bei dem sie bisweilen auch zu Hause verkehrt. Er hat sogar schon
durchblicken lassen, dass er sie als Hausangestellte in Dienst nimmt.“
Der Kanzleirat fuhr erschrocken hoch.
„Wirklich? Kann sie denn kochen?“
„Geh, Herr Kanzleirat. Das interessiert bei der Gestalt doch keinen, oder?“,
mischte sich der Wachmann ein und formte dabei die Kurven eines
Frauenkörpers mit den Händen in der Luft.
„Wenn’s eine brauchen, die kochen kann, müssen Sie sich eine Böhmin
anstellen. Die haben tulli Maderl dort!“, fügte der Hausmeister hinzu und
klopfte sich auf den Bauch.
„Das nützt mir jetzt aber auch nichts. Da geh’ ich lieber noch ein Achterl
trinken.“, antwortete der Kanzleirat resignierend. Er lüftete grüßend seinen
Hut und entfernte sich durch das Stiegenhaus in Richtung Straße.
Als er Richtung Lerchenfeld abbog, pfiff er fröhlich den Radetzkymarsch.
„Hervorragende Idee!“, rief ihm der Hausmeister nach und hieb dem
Rayonsinspektor gönnerhaft auf die Schulter. „Sie auch?“
„Toller Plan, wie die Preußen sagen!“
Beide machten sich in dieselbe Richtung wie Sekunden zuvor der Kanzleirat
davon.
Aus der entgegengesetzten Richtung kam eine geschlossene Kutsche.
Diese hielt vor dem Zinshaus und der Fahrer sprang vom Kutschbock.
Ein Automobil knatterte vorbei.
Der Kutscher öffnete den Verschlag der Kutsche und das Fräulein Lily
entstieg dieser fast wie von Englein getragen.
Sie quittierte die eindeutig zweideutigen Blicke des Kutschers mit einem
verschämten, fast unschuldig wirkenden Lächeln.
Während sie, ihren taubengrauen Rock zurechtstreichend, im Haus verschwand,
senkte sich die Sonne über die Vorstadt.
Der Kutscher vergönnte sich noch einen ausgiebigen Blick auf das Fräulein
Lily und bedachte dieses Ereignis mit einem anerkennenden Pfiff durch die
Zähne.
Dann bestieg er wieder den Kutschbock, schnalzte mit der Zunge und trieb das
Pferd mit einem liebevollen „Gemma, Blade!“ zu einem gemütlichen Schritt an.
|
|
|